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Die 10er Jahre des 21. Jahrhunderts

Gehypte und wahre Helden


Heldenverehrung

Gehypte und wahre Helden

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch meinte, dass ihn die Freitagsdemos ein wenig an die Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem erinnern würden und sprach in Bezug auf Greta Thunberg davon, dass Gesellschaft und Kirchen heute echte Propheten bräuchten.  Der Würzburger Bischof Franz Jung sieht sogar Ähnlichkeiten zwischen dem biblischen David und Greta Thunberg. Selbst der Papst bewundert den "Mut" der Jugendlichen, die wöchentlich für den Klimaschutz eintreten. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße setzte noch einen drauf und sieht Carola Rackete in der Nachfolge Jesu. Im norditalienischen Pieve Porto Morone sollte eine Messe "für Carola Rackete und alle mutigen Frauen und Männer, die das Gesetz Gottes über das Gesetz der Menschen stellen" (katholisch.de) abgehalten werden, die dann allerdings abgesagt wurde. Die katholische Kirche ist also voll des Lobes für Greta Thunberg und Carola Rackete. Auch die evangelische Kirche hält sich nicht zurück, wenn es darum geht, diese beiden Frauen hochzujubeln. So machte es den Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, "traurig und zornig", als Carola Rackete festgenommen wurde und er sprach von einer "Schande für Europa". Zwar warnte Heinrich Bedford-Strohm vor einer Sakralisierung von Greta Thunberg, aber das hielt Hans Leyendecker, der Präsident des 37. evangelischen Kirchentags (19. bis 23. Juni 2019) war, nicht davor zurück, die Schüler-Demos (Fridays for Future) als eine Erweckungsbewegung zu bezeichnen.  Die bekennende evangelische Christin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen verglich Greta Thunberg sogar mit dem Propheten Amos, der im achten Jahrhundert vor Chistus im Nordreich Israel wirkte. Man kann sagen, von einigen Christen - ob katholisch oder evangelisch - wird Greta Thunberg in den Rang einer Prophetin erhoben.
                                          Zwar sieht Arnd Pollmann, der Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice-Salamon-Hochschule in Berlin ist, Greta Thunberg und Carola Rackete nicht als Heilige an, aber Heldinnen sind sie für ihn schon. "Heilige", so Arnd Pollman, "sind darauf gepolt, wenn man so will, geradezu wie selbstverständlich, automatisch, das übergebührlich Gute zu tun. Heilige sind in einer gewissen Weise nicht ganz von dieser Welt – Heldinnen hingegen schon" (Deutschlandfunk). Ich gebe zu bedenken, dass dies Worte eines promovierten Philosphen sind! Man will es nicht glauben: Ein akademisch gebildeter Mensch, zudem kein Theologe, der an Heilige glaubt und sich bemüht, Heilige von Helden bzw. Heldinnen abzugrenzen!!!
                                          Arnd Pollmann formuliert dann auch Kriterien für das Heldentum: "Sie tun außeralltägliche Dinge, Dinge, die teilweise weit über das hinausgehen, was sogenannte normale Menschen tun und als ihre moralische Pflicht begreifen würden. Helden tun nicht bloß das, was ihre Pflicht ist, sondern mehr als das – sie gehen teilweise ein großes persönliches Risiko ein, legen sich mit der Regierung und dem Gesetz an. Sie zeigen uns, – uns „Normalos“, wenn man so will -, was Menschen möglich ist, wo wir selbst dazu in aller Regel zu feige sind. Und ich glaube eben, das trifft auch auf Greta Thunberg oder Carola Rackete zu" (Deutschlandfunk). Treffen diese Kriterien wirklich auf Greta Thunberg und Carola Rackete zu?

War es außergewöhnlich, dass Greta Thunberg 2018 mit einem großen Plakat drei Wochen lang ganz allein vor dem schwedischen Parlament in Stockholm für das Klima demonstrierte? Es war sicherlich eine engagierte Aktion eines jungen Mädchens, das von ihrem Anliegen überzeugt ist; aber diese Aktion ging nicht weit über das hinaus, was normale Menschen tun würden. Ich denke an die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner, die in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA entstand. Rosa Parks, eine mutige schwarze Frau, verweigerte am 1. Dezember 1955 der Auffforderung des Busfahrers nachzukommen, ihren Sitzplatz für einen Weißen frei zu machen. Sie wurde verhaftet und musste sich vor einem Gericht verantworten. Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass sich 42000 Afroamerikaner weigerten, weiterhin die Busse in Montgomery (Alabama) zu besteigen und stattdessen trotz Schikanen der Weißen eigene Fahrgemeinschaften organisierten. Die 42000 Afroamerikaner waren ganz normale Menschen und begriffen ihre Weigerung als ihre moralische Pflicht. Diese Menschen - einschließlich Rosa Parks - hätten sich wohl selbst nicht als Helden bezeichnet.  Sehr viele junge US-Amerikaner verweigerten in den sechziger Jahren den Wehrdienst (damals noch keine Berufsarmee), weil sie den Kriegseinsatz in Vietnam ablehnten. Diese ganz normalen jungen Männer - einschließlich des damaligen Boxweltmeisters  Muhammad Ali - waren bereit, die Konsequenzen für ihre Verweigerung zu tragen. Sie nahmen sich selbst allerdings nicht als Helden wahr. Greta Thunberg musste für ihre Protestaktion im Gegensatz zu den damaligen Afroamerikanern und Wehrdienstverweigerern nicht mit negativen Konsequenzen rechnen und konnte davon ausgehen, dass man ihr mit Sympathie für ihr Anliegen begegnen würde. Ihr wurde mehr als nur Sympathie entgegengebracht: Sie wurde von den Medien und einschlägigen Kreisen zur Ikone aufgebaut!
                                 Wer aber ist Greta Thunberg? Sie ist ein junges Mädchen, das sich mit Engagement und Überzeugung für eine andere Klimapolitik einsetzt und zudem aus gutem Hause kommt (die Mutter ist eine bekannte Opernsängerin und der Vater Schauspieler). Wäre da nicht ein schwedischer Geschäftsmann namens Ingmar Renzhog gewesen, der in Kontakt mit Gretas Mutter stand und 2017 eine Klimaschutz-Organisation als Aktiengesellschaft (???) gegründet hatte, hätte Greta höchstwahrscheinlich niemals diesen Bekanntheitsgrad erlangt. So aber fand sich ihr Name in einem Werbeprospekt dieser Klimaschutz-Organisation wieder und Ingmar Renzhog selbst war es, der Fotos von Greta auf Facebook und Instagram hochpostete und die Medien von Greta Thunbergs Aktion vor dem Parlamentsgebäude unterrichtete. Die Medien stürzten sich geradezu auf Greta Thunberg, bauten sie zu einem Jugendidol auf und selbst führende Wirtschaftseliten sind an Greta Thunberg interessiert. Immerhin durfte sie auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos sprechen. Greta ist also eine ganz normale Jugendliche, die wie andere normale Jugendliche einen missionarischen Eifer für eine bestimmte Sache entwickeln kann. Man denke nur an die "normalen" jungen Leute, die energisch für die Tierrechte eintreten und sich nicht scheuen, Tiere aus Ställen und Gehegen zu befreien (Tierbefreier); allerdings werden diese jungen Leute niemals so bekannt werden wie Greta Thunberg.

Ist Carola Rakete eine Heldin? Nun ist nichts gegen die Seenotrettung einzuwenden; sie ist absolut notwendig. Es ist nur zu beanstanden, dass sich die Staaten vor der Seenotrettung drücken und es den privaten Organisationen überlassen. Wenn kritisiert wird, dass die Geretteten alle nach Europa gebracht werden, dann sind diese Kritiker noch lange nicht gegen die Seenotrettung. Mit Ausnahme von extremen Rechten tritt niemand dafür ein, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Italien war mit der Aufnahme der Migranten aus Afrika (Unterbringung und Versorgung) überfordert. 2016 kamen etwa 181000 Migranten in den italienischen Häfen an. Die italienische Bevölkerung wehrte sich gegen die immer größer werdende Zahl an Migranten und fühlte sich von der EU allein gelassen. Wenn Italiens Innenminister Matteo Salvini den Rettungsschiffen die Einfahrt in italienische Häfen verweigert, dann hat er dafür triftige Gründe und es ist durchaus vernünftig, sich damit auseinanderzusetzen, die Migranten wieder zurückzubringen. Für viele ist dieser Gedanke noch immer ein Tabu und all' diejenigen, die ihn äußern, werden in die rechte Ecke  geschoben. Es ist richtig, dass in Libyen üble Zustände herrschen. Es war aber die NATO, die den libyschen Staat zerstört hat. Unter Gaddafi lebten die Libyer im Wohlstand, jetzt herrscht in Libyen Bürgerkrieg. Diesen Zustand hat der Westen durch seine Bombardiererei herbeigeführt. Eingeleitet wurde diese NATO-Aktion von der kriegslüsternen Hillary Clinton, die damals Außenministerin der USA war. Es wäre also Aufgabe jener NATO-Staaten, die sich an diesem Kriegseinsatz gegen Libyen beteiligt haben, jetzt in Libyen für die Sicherheit und das Wohlergehen der Migranten zu sorgen. Es könnten Unterbringungslager errichtet werden, in denen menschenwürdige Zustände herrschen und vor Ort entschieden werden kann, ob eine Aussicht auf Asyl überhaupt besteht. Diese Lager könnten von Blauhelmtruppen der UN geschützt werden. Auch mit Marokko und Tunesien könnte die EU zusammenarbeiten und über Unterbringungslager sprechen, deren Kosten die EU übernimmt. Dieses Geld wäre in jedem Fall gut angelegt. Es muss alles getan werden, dass es nicht zu völligen Verwerfungen auf den europäischen Arbeitsmärkten und Sozialsystemen kommt. Völlig unverständlich sind die Forderungen von Carola Rackete, dass die europäischen Staaten alle Migranten aus Libyen aufnehmen sollen. Nicht alle Migranten, die (freiwillig) nach Libyen gehen und sich den dortigen Schleppern anvertrauen, kommen aus Bürgerkriegsgebieten oder aus Ländern, in denen sie politisch oder religiös verfolgt werden. Sie sind nicht asylberechtigt. Wirtschafts- und Klimaflüchtlingen muss vor Ort geholfen werden und dies wäre auch möglich, wenn hierfür eine Bereitschaft der EU vorhanden wäre. Es kann nicht sein, dass die korrupten Eliten in den entsprechenden afrikanischen Ländern mit Entwicklungsgeldern unterstützt werden und dabei zugesehen wird, wie ausländische (chinesische und westliche) Konzerne, die die in diesen Ländern vorhandenen Rohstoffe abbauen (plündern), die Menschen, die für sie arbeiten, auf schlimmste Art und Weise ausbeuten. Es werden Löhne bezahlt, die so niedrig sind, dass man sie kaum noch als Löhne bezeichnen kann. Afrikanischen Ländern, die unter Trockenheit aufgrund des Klimawandels leiden, könnte mit künstlichen Bewässerungs- und Entsalzungsanlagen geholfen werden. Das technische Knowhow hierfür ist vorhanden. Israel hat gezeigt, wie man unter extrem trockenen Bedingungen aus der Wüste (Negev-Wüste) fruchtbares Land gewinnen kann. Den Wirtschafts- und Klimaflüchtlingen kann also in ihren Ländern geholfen werden; man muss es nur wollen. Ich bezweifle, ob die privaten Seenotrettungsorganisationen überhaupt willens sind, die geretteten Migranten in afrikanische Häfen zurückzubringen, auch wenn diese sicher wären und in den Unterbringungslagern menschenwürdige Bedingungen herrschen würden. Das Ziel für diese Organisationen scheint ganz klar Europa zu sein. Carola Rackete sprach eigentlich nur aus, was ihr Auftrag ist: Bringt die geretteten Migranten nach Europa! Ist man also eine Heldin, wenn man ohne groß nachzudenken moralisch gut sein will und so möglicherweise Zwecken dient, die sowohl für die Migranten als auch für die in den europäischen Staaten lebenden Bürger äußerst schädlich sind? Helden und Heldinnen sollten sich im Klaren darüber sein, welche Folgen ihr Handeln hat bzw. haben könnte.
                                     Nun ist es löblich, dass Carola Rackete als Kapitänin im Dienst der Seenotrettung arbeitet. Es werden Menschen gebraucht, die sich um das Überleben anderer Menschen bemühen. Aber auch hier gilt: Viele ganz normale Menschen arbeiten im Rettungsdienst (Notärzte, Sanitäter, Feuerwehrleute...) und keiner von ihnen würde sich selbst als Held bezeichnen. Was Carola getan hat, geht also bei weitem nicht über das hinaus, was auch ganz normale Menschen tun. Man kann auch nicht behaupten, dass Carola Rackete ein großes persönliches Risiko eingegangen wäre, als sie unerlaubt in den Hafen von Lampedusa einfuhr und dabei - sicherlich ungewollt - ein Boot der Finanzpolizei rammte. Sie konnte davon ausgehen, dass ihr für ihr Vorgehen von der Presse viel Sympathie entgegengebracht werden würde und der eigentliche Unmensch laut den Leitmedien der "rechte" italienische Innenminister Matteo Salvini sein wird. Zudem befand sich ein Fernsehteam von Panorama an Bord, von dem sie annehmen konnte, dass die Berichterstattung über ihr Handeln sehr positiv ausfallen würde. Dies alles hat sich dann ja auch bestätigt. Carola Rackete ist also eine ganz normale junge Frau, die sich mit Herz und Engagement der Seenotrettung widmet und dies darf ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Es bleibt die Frage, warum sowohl Greta Thunberg wie auch Carola Rackete zu Heldinnen hochgejubelt werden. Ganz offensichtlich werden sie für bestimmte Zwecke instrumentalisiert.
                                       Nun ist es nicht so, dass die neoliberalen Eliten allesamt den Klimawandel bestreiten würden. Vor allem die progressiven Eliten, die sich für liberale Werte (Gleichberechtigung von Männern und Frauen, keine Diskriminierung von Homosexuellen, Trennung zwischen Kirche und Staat...) einsetzen, treten auch dafür ein, den Klimawandel zu bekämpfen. Allerdings trennen diese progressiven Eliten die Friedens- von der Klimapolitik, obwohl beides zusammengehört. Militärische Einsätze - immer mit dem Vorwand, es ginge um Demokratie und Menschenrechte - werden von ihnen befürwortet. Hillary Clinton, die finanziell von der "Wallstreet" unterstützt wurde, schloss militärische Einsätze als Mittel der Politik nicht aus (Beispiel: Libyen) und passte ihre politischen Vorstellungen ganz dem Willen der Banker und Investoren von der Wallstreet an. Zu ihren wichtigsten Unterstützern zählte auch der Investor George Soros, der massgeblich an dem Aufbau des Feindbilds "der böse  Wladimir Putin" beteiligt ist. Hillary sowie Bill Clinton sind die politischen Repräsentanten der progressiven Neoliberalen.  So lobenswert der Einsatz dieser progressiven Neoliberalen für liberale Werte und den Klimawandel auch ist, eines muss klar sein: Diese Eliten sind starke Gegner von sozialistischen Ideen und werden alles Erdenkliche tun, um der Ausbreitung dieser Ideen in der Bevölkerung entgegenzuwirken. Alles, was den freien, unregulierten Markt gefährden könnte, muss zurückgedrängt werden und es bietet sich an, den marktgefährdenden (sozialistischen) Vorstellungen ein anderes Narrativ entgegenzusetzen. Dieses andere Narrativ ist das "Umwelt" - Narrativ. Man kann die "Fridays for Future" - Bewegung durchaus als Gegenbewegung zur "Gelbwesten" - Bewegung sehen. Die Gelbwesten, die soziale Gerechtigkeit, die Verringerung der eklatanten Einkommensunterschiede und mehr demokratische Mitbestimmung einfordern, sind eine Bedrohung und genau deshalb muss der Fokus auf die Umwelt gelenkt werden. Eine Identifikationsfigur ist immer von Vorteil, wenn es einer starken Bewegung bedarf und diese Identifikationsfigur ist für die "Fridays for Future" - Bewegung Greta Thunberg. Greta Thunberg ist also in Wirklichkeit die große Ablenkung vom eigentlichen Kernthema: die immer sich weiter öffnende Schere zwischen arm und reich!
                                          Carola Rackete ist nicht die Ikone einer Bewegung, vielmehr wird sie von den Medien als moralisches Vorbild angepriesen.  Die Regierungen der EU-Staaten sind nicht daran interessiert, in den entsprechenden afrikanischen Ländern die Ursachen der Migration zu bekämpfen. Dies würde bedeuten, dass sie das schändliche Treiben der Konzerne anprangern müssten, die in diesen Ländern die Rohstoffe abbauen und die Arbeiter mit Hungerlöhnen abfertigen sowie Kinderarbeit zulassen. Dies aber wird nicht geschehen. Gegen die transnationalen Konzerne  erhebt sich niemand. Auch die Regierungen in den Ländern selbst werden nichts unternehmen. Selbst wenn die Regierungen in diesen Ländern wirklich etwas verändern wollten, dürften sie es nicht tun, weil sie durch die Strukturanpassungsprogramme des IWF gezwungen sind, private Konzerne ins Land zu lassen und den Rohstoffabbau nicht zu verstaatlichen. Für die europäischen Konzerne und Großunternehmen ist die Migration ein Vorteil. Je mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, desto billiger wird die einzelne Arbeitskraft (viele Unternehmen sind nicht mehr tarifgebunden) und es können mehr prekäre Jobs angeboten werden. Für die Sozialsysteme ist es allerdings notwendig, dass es möglichst viele gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze gibt. Nur so kommt Geld in die Sozialsysteme (Rente, Kranken- und Arbeitslosenversicherung). Wenn kaum noch etwas einbezahlt wird, dann müssen die Sozialsysteme auf ein Minimum zurückgefahren werden. Dies ist aber genau das, was die Wirtschaftseliten wollen: Billige Arbeitskräfte und niedrige Lohnnebenkosten (gleichbedeutend mit dem weiteren Abbau der Sozialsysteme). Da die Leitmedien auf der Seite der neoliberalen Wirtschaftseliten stehen, werden sie alles tun, das Meinungsbild der Bürger so zu beeinflussen, dass es den Vorstellungen dieser Eliten entgegenkommt; und so vermitteln sie den Bürgern, dass es eine moralische Verpflichtung sei, die geretteten Migranten in die europäischen Häfen zu bringen und sie nicht den unmenschlichen Bedingungen in den afrikanischen Ländern auszusetzen. Eigentlich sagt einem schon die Vernunft, dass es nicht möglich ist, alle aufzunehmen, die aus wirtschaftlichen Gründen den afrikanischen Kontinent verlassen wollen. Eben deshalb ist es notwendig, die Verhältnisse in diesen Ländern zu verbessern. Die Lösung kann nicht sein, dass diejenigen, die in ihren Ländern eine Ausbildung erhalten haben, diese Länder nach ihrer Ausbildung verlassen in der Hoffnung, in Europa mehr zu verdienen. Gerade die ausgebildeten jungen Menschen werden in ihren Ländern gebraucht. Doch diese Argumente interessieren die Wirtschaftseliten und damit die Leitmedien nicht. Sie sind an einem übergroßen Angebot an Arbeitskräften interessiert und um mögliche Widerstände in der Bevölkerung gering zu halten, wird moralisch argumentiert. Wer dagegen ist, dass die Migranten nach Europa gebracht werden, ist dann eben ein moralisch verwerflicher Mensch, der mit den Rechten sympathisiert. Damit diese moralische Argumentation funktioniert, bedarf es einer moralischen Vorzeigefigur; und zu dieser Vorzeigefigur wurde von den Leitmedien Carola Rackete gemacht!

Natürlich gab und gibt es Menschen, auf die sich die Kriterien von Arnd Pollmann anwenden lassen. Ich will nur einige dieser Heldinnen und Helden nennen: So kann man die Geschwister Scholl, die zur Widerstandsgruppe "Weiße Rose" gehörten, als Helden bezeichnen. Sie verteilten Flugblätter, in denen zum Widerstand gegen Adolf Hitler aufgerufen wurde. Hans und Sophie Scholl waren sich bewusst, welcher Gefahr sie sich aussetzten.  Ihren außergewöhnlichen Mut mussten sie mit ihrem Leben bezahlen. Auch Rosa Parks muss als Heldin betrachtet werden. Als sie sich 1955 der Auffforderung verweigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast frei zu machen, gab es noch keine schwarze Bürgerbewegung, die sich mit ihr solidarisch erklären konnte. Diese Bewegung entstand erst aufgrund ihrer außergewöhnlichen Aktion. Damals herrschte Rassentrennung und Rosa Parks wusste, was ihr passieren würde, wenn sie sich weigert, ihren Sitzplatz für einen Weißen frei zu machen. Sie wurde verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie tat also etwas, was damals ein "normaler" Schwarzer sich nicht getraut hätte. 1967 verweigerte Muhammad Ali (Cassius Clay) den Wehrdienst (in dieser Zeit führte die USA den Vietnamkrieg). Seine Begründung: "Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, einen Bruder zu erschießen. Wofür sollte ich sie erschießen? Sie haben mich nie einen ‚Nigger‘ genannt. Sie haben meine Mutter nicht vergewaltigt. Und sie haben auch meinen Vater nicht umgebracht. Warum also sollte ich auf sie schießen?" (Deutschlandfunk). Der damalige Boxweltmeister im Schwergewicht hatte eine glänzende Karriere vor sich; aber er folgte seinem Gewissen und setzte lieber seine Karriere aufs Spiel. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt (musste aber aufgrund einer Kaution nicht ins Gefängnis) und erhielt zudem eine Geldstrafe von 10 000 Dollar.  Die Konservativen sahen in ihm einen Drückeberger, aber die jungen Schwarzafrikaner bewunderten ihn. Für sie war Muhammad Ali ein Held und das war er wirklich. Menschen, die bereit sind, ihre aussichtsreiche Karriere für etwas zu opfern, das letztendlich der ganzen Gesellschaft dient (Muhammad Ali trug viel dazu bei, dass die US-amerikanischen Bürger den Vietnamkrieg immer kritischer sahen), sind Helden unabhängig davon, ob ihnen in irgendeiner Weise ein moralischer Makel anhaftet.

Es gibt nicht nur Helden in der Vergangenheit, auch unsere Gegenwart hat ihre Helden. Die derzeit wichtigsten Helden sind Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden.
                                                      Julian Assange, der Gründer von Wikileaks, brachte ans Licht, was den Bürgern normalerweise verschwiegen wird. Über Wikileaks wurde bekannt, dass 2007 (Bagdad) aus US-amerikanischen Militärhubschraubern auf Zivilisten geschossen wurde. Etwa 18 Menschen starben; unter den Opfern waren auch zwei Journalisten. 2011 veröffentlichte Wikileaks Dokumente des US-amerikanischen militärischen Geheimdienstes, die belegen, dass gegenüber den Gefangenen in Guantanamo Foltermethoden angewendet und viele der Gefangenen zu Unrecht festgehalten wurden. Wikileaks machte auch das Ausspionieren von deutschen Politikern (Merkel, Steinmeier...) und des deutschen Außenministeriums bekannt. Durch gehackte E-Mails konnte Wikileaks belegen, dass Hillary Clinton gegenüber den Bankern und Investoren (Wallstreet) etwas völlig anderes sagte als das, was sie im Wahlkampf (2016) zu den Wählern sagte. Dies sind nur die wichtigsten Enthüllungen, die Wikileaks der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte. Julian Assange wusste, dass er sich mit seiner journalistischen Tätigkeit großer Gefahr aussetzte, aber er blieb seinem eigenen Gewissensanspruch treu. "Letztendlich haben wir nichts als die Wahrheit", so die Worte von Julian Assange. Man versuchte und versucht alles, den Ruf von Julian Assange zu zerstören. So wirft man ihm Vergewaltigung vor, die bis jetzt nicht bewiesen werden konnte und versucht ihm zu unterstellen, dass er in engem Kontakt zum russischen Geheimdienst stünde. Kurzum: Die Mächtigen wollen Julian Assange zerstören, weil er ihre Machenschaften offengelegt hat.
                                              Chelsea Manning lud von Militärcomputern (damals war sie Soldat und noch männlich) geheime US-Militärdokumente über die Kriege im Irak und in Afghanistan herunter und spielte sie Wikileaks zu. Die Dokumente wurden von Wikileaks 2010 und 2011 veröffentlicht. Manning wurde 2010 festgenommen und 2013 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Von Barack Obama wurde sie 2017 begnadigt. Chelsea Manning ist zur Zeit in Beugehaft, weil sie sich weigert, über Julian Assange auszusagen. Auch sie steht zu ihrer Überzeugung und sagte in Bezug auf ihre Weigerung: "Ich würde mich eher zu Tode hungern als meine Position in dieser Frage zu ändern".
                                                           Edward Snowden war NSA-Mitarbeiter und machte 2013 die geheimen Pläne der US - Regierung, jede SMS, jeden Anruf und jede E-Mail zu überwachen, öffentlich. Er sagte folgendes: "Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage, alles, was ich tue, jedes Gespräch, jeder Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft aufgezeichnet wird. (...) Ich denke, jeder, der eine solche Welt ablehnt, hat die Verpflichtung, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu handeln" (Geo).

Es ist schon merkwürdig, dass Arnd Pollmann durchaus brauchbare Kriterien formuliert, die eine Heldin bzw. einen Helden charakterisieren, diese dann aber auf Greta Thunberg und Carola Rackete bezieht und die wirklichen gegenwärtigen Helden (Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden) überhaupt nicht erwähnt.
                                                       Man kann den Mainstream-Medien nicht vorwerfen, dass sie über Assange, Manning und Snowden nicht berichten würden. Viele der Leitmedien berichten sogar sehr sachlich und nehmen zudem keine voreingenommene Position ein. Allerdings hüten sie sich davor, Assange und die beiden Whistleblower zu Idolen hochzujubeln. Diesbezüglich verhalten sie sich - anders wie bei Greta Thunberg und Carola Rackete - sehr zurückhaltend; und manche stellen dann doch die Frage, ob Julian Assange und Edward Snowden möglicherweise etwas mit dem russischen Geheimdienst zu tun haben könnten.
                                      Wir sollten uns nicht darüber wundern, dass weder die katholische noch evangelische Kirche Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden als Helden oder gar Heilige verehrt. Systemkritische Menschen werden von den Kirchen nicht verehrt. Zu sehr sind die beiden Kirchen mit den herrschenden Verhältnissen verbunden, als dass sie sich eine Verehrung von Kritikern des gegenwärtigen kapitalistischen Systems erlauben würden. Der Papst scheint eine Ausnahme zu sein. Er findet kritische Worte gegenüber dem Kapitalismus, was sicherlich auch seiner Nähe zur Befreiungstheologie zu verdanken ist; aber eben deshalb hat er viele Gegner nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der katholischen Kirche. Die evangelische Kirche ist nun ganz und gar angepasst. Keiner ihrer bekannten oberen Amtsträger hat eine kritische Distanz zum Kapitalismus. Wie sollte es aber auch anders sein? Aus dem religiösen Denken des Protestantismus ist ja die Ideologie des Kapitalismus  (Max Weber) entstanden. Die beiden Kirchen wollen das moralisch Gute tun, an einer Ursachenbekämpfung und Veränderung der bestehenden Verhältnisse waren sie noch nie interessiert. Es ist die historische Aufgabe einer jeden Religion, die bestehenden Verhältnisse religiös zu legitimieren aber niemals zu hinterfragen. Greta Thunberg und Carola Rackete passen eben deshalb besser ins Verehrungskonzept der Kirchen als Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden. Wir dürfen von den Kirchen niemals erwarten, dass sie die wahren Helden verehren. Wenn die Kirchen eine oder mehrere Personen verehren, ist dies eher ein Zeichen dafür, dass es die Falschen sind, die verehrt werden.

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