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Die Gelbwesten: Der Aufstand der unteren Klassen

Die Gelbwesten: Der Aufstand der unteren Klassen

Gilets jaunes

Der Aufstand der unteren Klassen


Am 17. November 2018 demonstrierten die Gelbwesten zum ersten Mal gegen die geplante Erhöhung der Ökosteuer, die  Emmanuel Macron auf Diesel und Benzin erheben wollte. Natürlich kritisierten die Grünen sofort diese Proteste. Es ginge  um die Umwelt und dagegen zu protestieren sei doch völlig daneben. Die Kritik der Grünen zeugt davon, dass ihnen das soziale Bewusstsein abhanden gekommen ist. Sie haben sich zu einer grünen FDP gewandelt und die "Umwelt" zu einem Statussymbol gemacht. Wer Geld hat, kann sich auch Umwelt leisten. "Ich esse nur Bio", sagen die gut verdienenden höheren Angestellten und machen damit deutlich, dass sie sich die teureren Biolebensmittel leisten können. Der umweltbewusste wohlhabende Mensch hat ein "höheres" Bewusstsein als der Geringverdiener, der zwangsläufig zum Umweltsünder wird, weil er sich "Umwelt" eben nicht leisten kann. Die unteren Klassen können die "Umwelt" einfach nicht bezahlen.
                  Die "Gelbwesten" sind eine Bewegung, deren Mitglieder nicht zu den Wohlhabenden gehören, überwiegend auf dem Land leben und aufgrund der schlechten Infrastruktur auf das Auto angewiesen sind, wenn sie zur Arbeit wollen. Für sie ist eine Erhöhung der Ökosteuer auf Benzin und Diesel eine drastische Einschränkung in ihrer Lebensqualität, die ihre eh schon eingeschränkte Teilnahmemöglichkeit am kulturellen gesellschaftlichen Leben noch  weiter einschränkt.
             "Umwelt" müsste eigentlich subventioniert werden. Bionahrungsmittel müssten günstiger, umweltfreundliche Verkehrsmittel erschwinglicher und umweltgerechtes Wohnen wesentlich billiger sein. Doch dies lässt der Kapitalismus nicht zu. Aus allem versucht er, Profit zu schlagen. "Umwelt" ist im Sinne des kapitalistischen Denkens nur dann sinnvoll, wenn sich aus ihr ein Geschäftsmodell machen lässt. Die Grünen haben das kapitalistische Denken angenommen und die "Umwelt" zu einem Projekt der Reichen gemacht. Umweltbewusstsein ist heute gleichzusetzen mit einer Abgrenzung (Distinktion) der oberen zu den ärmeren Klassen. Der Reiche isst umweltbewusst und der Arme begnügt sich mit Fleisch aus der Massentierhaltung, weil ihn eben die rein vegetarische Ernährung finanziell überfordern würde. Im Kapitalismus ist der Arme immer der "Dumme", weil er sich das "höhere" Bewusstsein der Reichen nicht leisten kann.

Den Protestaktionen der Gelbwesten am 17. November (Samstag) folgten weitere Aktionen. Die Samstage wurden  für die Proteste genutzt. Auch am Samstag, den 5. Januar 2019, kam es wieder zu landesweiten Protesten. Es sieht ganz danach aus, dass sich die Aktionen der Gelbwesten auch im neuen Jahr fortsetzen. Emmanuel Macron scheint die Situation nicht mehr in den Griff zu bekommen.
               Versuche, die Gelbwesten in die rechte Ecke stellen zu wollen, blieben erfolglos. Zwar versuchte die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die "Gelbwesten" - Bewegung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, doch dies ist ihr offensichtlich nicht gelungen. Allein die Forderungen, die über den Verzicht der geplanten Erhöhung der Benzin - und Dieselsteuer  hinausreichen, machen deutlich, dass es sich um keine rechte Bewegung handeln kann. So fordern die Gelbwesten unter anderem einen höheren Mindestlohn (1300 Euro netto), ein solidarisches Rentensystem (alle zahlen ein!), eine monatliche Rente von mindestens 1200 Euro, ein für alle in Frankreich arbeitenden Menschen gleiches Gehalt (kein Lohndumping aufgrund eines geringeren Gehalts von ausländischen Arbeitnehmern!), mehr unbefristete Arbeitsverträge, die Bekämpfung der Fluchtursachen, eine faire Behandlung von Asylbewerbern, die Schaffung von Arbeitsplätzen für Arbeitslose, mehr bezahlbaren Wohnraum, ein Verbot des Verkaufs von öffentlichen Grundstücken und Einrichtungen (Privatisierungsverbot), eine Steigerung der Lebensqualität von älteren Menschen und eine Rente mit 60 Jahren (Siehe auch: www. stern.de). Dies sind linke und keine rechten Forderungen. Es werden keine anderen ethnischen Gruppen diffamiert; vielmehr wird eine faire Behandlung von Asylbewerbern gefordert und alle in Frankreich arbeitenden Menschen sollen den französischen Staatsbürgern (gleiche Löhne und gleiche Rechte/vgl. www.stern.de) gleichgestellt werden.
                         Es wurde eine erste soziologische Studie über die Gelbwesten vom Èmile - Durkheim - Universitätszentrum durchgeführt. 70 Soziologen verteilten Fragebögen an die Gelbwesten im ganzen Land. "33 Prozent der Befragten bezeichnen sich als weder links noch rechts. Aber von den 67 Prozent der Gelbwesten, die sich zu einer politischen Richtung bekennen, bezeichnen sich 42 Prozent als links und 15 Prozent als extrem links. Sechs Prozent positionieren sich in der politischen Mitte, zwölf Prozent als rechts und 5,4 Prozent als extrem rechts" (deutsch.rt.com).  Bei nur 17,4%  Rechten kann man wohl kaum von einer rechten Bewegung sprechen und die Behauptung von Bernd Riexinger (Linke), dass "das Potential Ultrarechter in den Reihen der Bewegung . . . besorgniserregend" (Der Tagesspiegel) sei, ist wohl etwas abwegig.

Es wird nun auch von den Mainstream-Medien nicht mehr bestritten, dass es sich bei den Gelbwesten um eine Bewegung der unteren Klassen handelt, die sich gegen eine Politik wenden, die im Sinne der oberen Klassen gestaltet wird. So steht in einem Artikel auf Zeit Online: "Den Weg von einer sozialen in eine marktkonforme Demokratie, auf dem Deutschland sehr weit vorangegangen ist, haben die Franzosen nie wirklich akzeptiert".
                   Allerdings werden die gewalttätigen Ausschreitungen angeprangert und Angela Merkel warf Sahra Wagenknecht, die die Bewegung der Gelbwesten gutheißt, vor, dass sie sich nicht von den Gewaltaktionen distanzieren würde. Die Gewalt der Gelbwesten ist im Vergleich zur Gewalt von Saudi-Arabien gegen die Bevölkerung Jemens als äußerst harmlos einzustufen. Dies muss deshalb erwähnt werden, weil unsere Bundesregierung Saudi-Arabien mit Waffen beliefert und - trotz eines kurzzeitigen Lieferstops aufgrund des Khashoggi-Mords - weiterhin beliefern wird. Sie unterstützt mit den genehmigten Waffenexporten den Völkermord im Jemen. Offenbar sind der Bundesregierung die Profite der deutschen Rüstungsindustrie wichtiger als die Menschen im Jemen. Wenn also die Gewalt-Eskalationen der Gelbwesten beanstandet werden und die Gewalt der Saudis gegenüber der Bevölkerung Jemens hingenommen wird, ist dies nicht sehr glaubwürdig.
                         Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sowohl den Franzosen wie auch den Deutschen ein Sozialstaat versprochen, in dem es zu keinen sozialen Verwerfungen kommen dürfe. Gesicherte Arbeitsplätze, angemessene Löhne und ausreichende Renten sowie eine ausreichende Versorgung im Krankheitsfall sollten zu einer Selbstverständlichkeit werden. Dies wurde auch umgesetzt. Die Menschen konnten von ihren Löhnen und ihrer Rente leben und am gesellschaftlichen kulturellen Leben teilnehmen.
                             Die Sozialdemokraten hatten unter Gerhard Schröder das sozialstaatliche Versprechen gebrochen und in Deutschland den größten Niedriglohnsektor von Europa aufgebaut sowie massive Rentenkürzungen durchgeführt. Hartz 4  wurde eingeführt und die Arbeitslosen wurden gezwungen, Ein-Euro Jobs anzunehmen, wenn sie weiterhin monatliche Unterstützung in gleicher Höhe erhalten wollten. Die monatliche Unterstützung konnte auch ganz gestrichen werden. Zwar  kam es in Deutschland zu Großdemonstrationen (Berlin, Köln, Stuttgart) gegen den Sozialabbau der rot - grünen Koalition, doch dabei blieb es dann auch. Die Deutschen haben nach anfänglichem Murren den Sozialabbau ertragen.
                            Emmanuel Macron wollte wie einst Gerhard Schröder in Deutschland  auch in Frankreich die endgültige neoliberale Wende einleiten; doch er hatte nicht mit der Mentalität seiner Landsleute gerechnet. Die Franzosen lassen es nicht zu, dass die sozialstaatlichen Versprechungen gebrochen werden und bringen ihre Wut zum Ausdruck. Wer erwartet, dass ein Aufstand der unteren Klassen, die um ihre Existenz kämpfen, wie eine friedliche Demonstration verläuft, befindet sich im Irrtum. Volksaufstände sind nun mal etwas anderes als Demonstrationen.

Es bleibt die Frage, warum die Deutschen den Sozialabbau einfach so hingenommen haben. Glaubten sie wirklich, dass eine einmalige großangelegte Demonstration in mehreren Großstädten genügen würde? Die Antwort findet man im autoritären Gesellschafts-Charakter der Deutschen, der im Unbewussten wirkt und nach wie vor das gesellschaftliche Handeln bestimmt. Dies bedarf nun einer näheren Erläuterung.
                             Die preußischen Tugenden (Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß ...) gehen auf Wilhelm Friedrich I. , dem Vater von Friedrich dem Großen, zurück. Er war vom Pietismus inspiriert und stand dem calvinistischen Protestantismus nahe. Als Wilhelm Friedrich I. König wurde, fand er einen überschuldeten Staatshaushalt vor. Der Staat musste reformiert und saniert werden und dafür stellte Wilhelm Friedrich I. folgende Leitmotive auf: Ordnung, Fleiß, Bescheidenheit und Gottesfürchtigkeit! (Siehe auch Wikipedia ).
                             Es ist bekannt, dass Pietisten sich nicht durch eine starke Lebensfreude auszeichnen. Das Leben ist in ihren Augen hart und leidvoll ("Arbeit im Schweiße deines Angesichts") und Erlösung gibt es erst im Himmel. Der Lebenswandel ist asketisch (Verzicht auf Sinnlichkeit/Sexualität darf nicht als Lust empfunden werden und wird als Pflicht zur Erzeugung von Nachkommen angesehen). Gottesfürchtigkeit und Gehorsam sind oberstes Gebot. Dieser pietistische Geist bildet die Grundlage für die preußischen Tugenden. Dass die christlichen Religionen trotz der verkündeten Feindesliebe des von ihnen gepriesenen Erlösers durchaus zum kriegerischen Handeln bereit sind, beweist der dreißigjährige Krieg. Da die Pietisten sich stärker vom ersten Testament ("Auge um Auge, Zahn um Zahn") als vom zweiten Testament leiten lassen, spielt für sie die Feindesliebe nur eine zweitrangige Rolle. Es widerspricht also keineswegs dem pietistischen Geist, dass der "Soldatenkönig" Wilhelm Friedrich I., auch wenn er nur an einer einzigen kriegerischen Auseinandersetzung beteiligt war, die preußischen Tugenden auf die Armee übertrug: Gehorsam, Disziplin und Pflichterfüllung! Wilhelm Friedrich I. trieb die Militarisierung in Preußen voran.
                        1871 wurde in Paris das Deutsche Reich unter der Vorherrschaft Preußens gegründet. Das Militär gewann im Deutschen Reich eine überragende Bedeutung und wurde vom Bürgertum akzeptiert. Mit der Anerkennung des Militärs wurden auch die preußischen Tugenden anerkannt. Neben Unterordnung und Pflichterfüllung galt die Verteidigung des Vaterlands als höchste Ehre. Die preußischen Tugenden wurden auch in der Weimarer Republik hochgehalten. Selbst Adolf Hitler berief sich, als er zum Reichskanzler gewählt wurde, auf die preußischen Tugenden und forderte nach dem Tod von Reichspräsident Paul von Hindenburg von seinen Offizieren und Soldaten absoluten Gehorsam. Die Mehrheit der Deutschen folgte Hitler gerne und mit Begeisterung, denn sie ließen sich von den preußischen Tugenden leiten.
                     Mit dem autoritären Gesellschafts-Charakter beschäftigte sich Erich Fromm. Der Gesellschafts-Charakter  ist ein Ergebnis der Anpassung an die bestehende Gesellschaftsstruktur und unterscheidet sich vom individuellen Charakter. Im Gesellschafts-Charakter sind sich die meisten Menschen einer bestimmten Gesellschaft gleich, aber im individuellen Charakter unterscheiden sie sich voneinander. Dem autoritären Charakter ist eigen, dass er sich den Mächtigen unterwirft und die Schwächeren beherrschen, im Extremfall sogar quälen will.
                    Das preußische Staatswesen brachte den autoritären Charakter hervor. Disziplin, Gehorsam und Pflichterfüllung! Diese Tugenden galten sowohl für die Armee wie auch für das Beamtentum. Man denke an den Feldwebel, der seine Befehle von oben erhält und nach unten weitergibt oder an den Beamten in höherer Stellung, der Weisungen von oben nach unten weiterleitet. Um in der "preußischen" Gesellschaft gut funktionieren zu können, war es notwendig, einen autoritären Charakter zu entwickeln. In der Familie wurde Respekt und Gehorsam gegenüber dem Familienoberhaupt (der Vater) verlangt. Das Familienoberhaupt  verhielt sich wiederum selbst gehorsam gegenüber den ihm vorgesetzten Autoritäten. Der Kaiser war die oberste Autorität. Der Sozialisationsprozess in der Familie war so ausgerichtet, dass die Kinder und Jugendlichen später in der Gesellschaft funktionierten und "freiwillig" so handelten, wie man es von ihnen erwartete.
                              Das dritte Reich basierte auf dem autoritären Charakter, der ein Ergebnis der preußischen Tugenden ist. Das perfektionierte System der Judenvernichtung ist nur deshalb möglich gewesen, weil das dafür zuständige Personal ausgeprägte autoritäre Charakterzüge auswies. Hannah Arendt, die als Beobachterin am Eichmann-Prozess in Jerusalem teilnahm,  beschrieb den Nationalsozialisten Adolf Eichmann, der die Vertreibung und Deportation der europäischen Juden organisiert und für ihre Vernichtung mitverantwortlich war, als "erschreckend normal". Und das war er auch: er hatte nur seine Pflicht erfüllt! Er war eben der perfekte autoritäre Charakter.
                                  Zu glauben, die Mehrheit der Deutschen hätte keine autoritären Charaktereigenschaften mehr, ist ein Irrtum. Kulturelle Prägungen können mehrere Generationen überdauern und müssen den Menschen selbst nicht einmal bewusst sein. Natürlich weist es auf autoritäre Charakterstrukturen hin, wenn man auf jene  Personen und Parteien hereinfällt, die bestimmte ethnische Gruppen oder Menschen für die existierenden sozialen bzw. weltpolitischen Probleme verantwortlich machen. Die Übernahme von Feindbildern ist ein typischer autoritärer Charakterzug. Dem Feind darf man  sich überlegen fühlen und man hat das Recht, ihn zu vernichten. Viele Menschen, die der AfD glauben, sind überzeugt davon, dass die bei uns lebenden Asylanten und Migranten schuld daran sind, dass sich die soziale Situation für viele Deutsche verschlechtert hat. In ihren Augen sind Asylanten und Migranten (minderwertige) Feinde. Die neoliberalen Eliten haben Wladimir Putin zum Feind erklärt und alle, die dieses Feindbild "Putin" übernehmen, weisen autoritäre Charakterzüge auf. Sowohl die Rechten als auch die neoliberalen Eliten geben Feindbilder vor in der Hoffnung, dass sie von den autoritären Charakteren übernommen werden. Kurzum: Man ordnet sich den Rechten und neoliberalen Eliten unter und nimmt deren Feindbilder an (Nach oben buckeln und nach unten treten).
                                 Autoritäre Charakterstrukturen zeigen sich in vielfältiger Weise. Wenn Politiker  im Sinne der Wirtschaftseliten Politik machen, deutet dies auf autoritäre Charakterstrukturen hin. Es ist etwas anderes, wenn Politiker im Sinne des Allgemeinwohls handeln, denn dafür sind sie gewählt worden. Gerhard Schröder, selbst aus einfachem Hause stammend, hat sich hochgebuckelt, um dann im Sinne der Eliten Politik zu machen, die aber dem Allgemeinwohl widerspricht. Wenn die Politik nicht mehr das Primat über die Wirtschaft und Banken hat, sind die dafür verantwortlichen Politiker Marionetten der Finanz - und Wirtschaftseliten. Ihr Gesellschafts-Charakter weist autoritäre Züge auf. Es würde den Rahmen sprengen, würde ich alle möglichen Beispiele anführen, die auf autoritäre Charakterzüge hinweisen.
                                    Der autoritäre Charakter, der nach wie vor das Verhalten vieler Deutschen bestimmt, verhinderte, dass es zu einem wirklichen Aufstand gegen den von der rot-grünen Koalition eingeleiteten Sozialabbau kam.

Auch die Franzosen zeichnen sich durch einen bestimmten Gesellschafts-Charakter aus, der ebenfalls geschichtlich bedingt ist. Die Franzosen sind von der französischen Revolution (1789) geprägt. Die Leitgedanken der französischen Revolution waren Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Volk selbst sollte der Souverän sein. Diese Vorstellungen bestimmen bis heute das gesellschaftliche Verhalten der Franzosen.
                        Das revolutionäre Denken (alle Macht dem Volk!) ist für viele Franzosen eine Selbstverständlichkeit. Wenn für die unteren Klassen aufgrund mangelnder finanzieller Möglichkeiten eine Teilhabe am gesellschaftlichen kulturellen Leben nicht mehr möglich ist oder gefährdet erscheint, erwacht der revolutionäre Geist und man wehrt sich gegen die "Obrigkeit". Ich bezeichne diesen Gesellschafts-Charakter als den revolutionären Charakter. Er ist dem autoritären Charakter entgegengesetzt. Der autoritäre Charakter beugt sich der "Obrigkeit", auch wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Der revolutionäre Charakter leistet Widerstand. Natürlich lassen sich auch Franzosen von rechten Demagogen beeinflussen und übernehmen deren Feindbilder. Allerdings lassen sie sich nicht gänzlich von einem übernommenen Feindbild bestimmen und behalten weiterhin ihre eigenen Interessen im Auge. Dies zeigt die Forderung der Gelbwesten, die sich darauf bezieht, dass alle Arbeitnehmer - also auch ausländische Arbeitnehmer - die gleichen Rechte haben sollen. Keiner soll bevorzugt oder benachteiligt werden. Sie nehmen sich diesbezüglich als Arbeitnehmer mit den gleichen Interessen wahr und distanzieren sich nicht von den ausländischen Arbeitnehmern. Das solidarische Klassenbewusstsein ist bei den Franzosen weitaus stärker entwickelt als bei den deutschen Arbeitnehmern, die überwiegend vom autoritären Gesellschafts-Charakter geprägt sind.

Auch in Deutschland gibt es nicht wenige, die mit den Gelbwesten sympathisieren. Olaf Scholz meinte, dass es in Deutschland ein nicht zu unterschätzendes Gelbwesten-Potential gäbe und dass die SPD als Garant für bezahlbare Lebenshaltungskosten verhindere, dass es zu Massenprotesten komme. Sollte Olaf Scholz dies wirklich - was ich nicht glaube - ernst meinen, dann irrt er gewaltig. Dass in Deutschland keine lang andauernden, kraftvollen und energischen Massenproteste entstanden sind und höchstwahrscheinlich auch nicht entstehen werden, liegt an der kulturellen Prägung, die die meisten Deutschen verinnerlicht haben. Sicherlich habe auch ich autoritäre Strukturen verinnerlicht ohne mir darüber bewusst zu sein. Man könnte einwenden, dass die Proteste im Hambacher Forst gezeigt hätten, dass in Deutschland keine Autoritätsstrukturen mehr überwiegen. Für die Umwelt setzen sich allerdings - bis auf die Rechten und Nationalkonservativen - auch die neoliberalen Wirtschaftseliten ein. So unterstützt der Devisenspekulant George Soros, der für offene Gesellschaften im Sinne eines freien Kapitalverkehrs und Welthandels eintritt, unter anderem auch Umweltorganisationen. Die Protestierenden im Hambacher Forst handelten also durchaus im Sinne der herrschenden Eliten. Kurzum: Die Umweltaktivisten sind von der herrschenden Klasse legitimiert.
                     Was früher in den Siebzigern (Anti - Atomkraft - Bewegung) durchaus "revolutionär" war, weil die damaligen Eliten mehrheitlich konservativ und noch kein umweltbewusstes Denken hatten, ist heute gängiger Mainstream. Hatten also die Atomkraftgegner in den Siebzigern keine autoritären Charakterstrukturen? Doch, auch sie hatten diese Charakterstrukturen verinnerlicht. So wurde zwar in den Sechzigern und Siebzigern der autoritäre Charakter aufgrund der Publikationen der Frankfurter Schule (Adorno, Fromm) öffentlich disktutiert und man versuchte, sich bewusst antiautoritär zu verhalten, indem man rebellierte und sich gegen die herrschende Auffassung stellte, doch die verinnerlichten kulturellen Prägungen wurden nur überdeckt. Heute zeigen sie sich wieder. Die damaligen "Rebellierer" (Joschka Fischer, Daniel Cohn- Bendit...) sind zahm geworden und dienen sich den neoliberalen Eliten an.

Die Philosophin Nancy Fraser spricht von einem progressiven Neoliberalismus, der mit der Wahl Bill Clintons (1992) politisch eingeleitet wurde. Er bildete "ein neues Bündnis aus Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten. Sie alle bewiesen ihre Fortschrittlichkeit, indem sie auf Vielfalt, Multikulturalismus und Frauenrechte schworen" (Nancy Fraser ). Weiter schreibt sie, dass Clintons Regierung die Wall Street hofierte und das Bankensystem deregulierte (Siehe Nancy Fraser). Durch Clintons Politik, so Fraser, verschlechterte sich die Lage der arbeitenden Menschen (Sinkende Reallöhne, Präkarisierung der Arbeit, Schwächung der Gewerkschaften). Der progressive Neoliberalismus, der für freien Welthandel (offene Grenzen) und radikalen Abbau des Sozialstaats steht, gibt sich anti-konservativ, anti-rechts, umweltbewusst, weltoffen und setzt sich für Frauenrechte sowie für die Gleichstellung von Lesben und Schwulen ein. Der moderne Kapitalismus ist also nicht mehr konservativ; er ist jetzt progressiv. Wenn Politiker/innen von Grünen, SPD und den Linken so tun, sie würden sich, wenn sie für offene Grenzen und gegen rechts demonstrieren, gegen die herrschenden Eliten positionieren, dann machen sie uns und möglicherweise sich selbst etwas vor. Sie gehen konform mit den neoliberalen Eliten und beweisen mit solchen Demonstrationen nur ihre Unterwürfigkeit (autoritäre Charakterstruktur).

Die französischen Gelbwesten haben kein Problem mit den wenigen Rechten in ihren Reihen. So lange es um die Verbesserung der eigenen sozialen Situation geht und die Rechten auch dafür eintreten, ist der gemeinsame Kampf wichtiger als die Spaltung in rechts und links. Die vertikale Spaltung in Oben (reich) und unten (arm) ist für ein revolutionäres Aufbegehren wichtiger als eine horizontale Spaltung in rechts und links. Emmanuel Macron, der versucht, eine neoliberale Politik durchzusetzen, ist derjenige, gegen den sich der Aufstand der Gelbwesten richtet und es ist den meisten Gelbwesten egal, wenn man ihnen zum Vorwurf macht, dass sich in ihrer Bewegung auch Rechte befinden. Die Motivation der Gelbwesten ist ihre persönliche Betroffenheit. Sie wollen nicht die Welt verbessern, sie kämpfen für die Verbesserung ihrer eigenen Existenz.
                       Die deutschen "Aufsteher/innen" (Sahra Wagenknechts Sammelbewegung) neigen dazu, aus moralischen Gründen zu handeln. Man will gut sein und gut sein hat auch, zumindest für die Protestanten, etwas Selbstloses. Es wäre egoistisch, nur an sich und an die eigene Situation zu denken. Wenn schon, dann denkt man an die ganze Welt. Wenn aber die eigene Situation aus den Augen verloren wird und man nur noch die Welt zum Besseren verändern will, dann ist man kraftlos und wird zu einem Moralapostel. Als Moralist eckt man nicht an und zudem gibt sich auch der Neoliberalismus moralisch: Die freien Märkte und der freie Welthandel sollen letztendlich die ganze Welt beglücken.
                         Viele der "Aufsteher/innen" sympathisieren mit den französischen Gelbwesten und ziehen sich selbst gelbe Westen an, auf denen "Aufstehen" steht. Werden sie die gleiche Energie und Ausdauer aufbringen wie die französischen Gelbwesten? Oder werden sie eher alles verflachen und von einer bunten Gesellschaft schwafeln ganz im Sinne der neoliberalen Eliten, die auch von einer bunten Gesellschaft (billige Arbeitskräfte!!!) träumen? Da einige "Aufsteher/innen" schon bunte Westen fordern, ist es sehr gut möglich, dass der Trend in diese Richtung geht.  Diejenigen, deren soziale Lage prekär ist,  können dann nur noch hoffen, dass es den französischen, belgischen und möglicherweise auch italienischen Gelbwesten gelingt, den Neoliberalismus aufzuhalten.

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